Digitalisierung könn(t)e Inklusion befördern

Reflexionen über die Chancen und Risiken der Digitalisierung aus der Perspektive der reflexiven Diversitätsforschung

Von Andrea D. Bührmann

Schon seit Mitte der 1970er Jahre werden fundamentale gesellschaftliche Veränderungsprozesse im sogenannten Globalen Norden [1] beobachtet: neben einer fortschreitenden Globalisierung der Wirtschaftsströme, zunehmenden Individualisierungsprozessen wie auch einer Transnationalisierung der individualisierten Lebenswelten ist vor allem die Rede von einer fortschreitenden Digitalisierung der Informationstechnologien und der damit verbundenen Effekte in Wirtschaft und Gesellschaft.

Digitalisierungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft

Digitalisierung bezeichnet in diesem Kontext in der Regel Prozesse, bei denen es um die Transformierung analoger in digitale Werte bzw. Formate geht. Diese Digitalisierungsprozesse werden in vielen gesellschaftlichen Bereichen immer wichtiger und verändern Wirtschaft und Gesellschaft aktuell grundlegend. Im Folgenden benenne ich zur Illustration einige ausgewählte Beispiele:

  • Im unternehmerischen Kontext versteht man unter Digitalisierungsprozessen zumeist das Abbilden von bis dahin analogen Geschäftsprozessen mit Hilfe digitaler Lösungen. Zugleich werden neue digitale Produkte bzw. Geschäftsmodelle entwickelt und vermarktet. Zu nennen sind nicht nur die entsprechenden Produkte für die Digitalisierung von Prozessen, wie also Hard Ware wie Computer, Handys, Drucker usw., sondern auch die entsprechende Soft Ware, wie die Programme aber auch das Entwickeln und Vorhalten von passenden Plattformen. Die angesprochene Plattformwirtschaft umfasst sowohl Unternehmen wie ‚Uber‘, ‚Zalando‘ oder ‚Ebay‘ als auch diejenigen Akteur*innen, die über diese Plattformen ihre Dienste anbieten.
  • In Politik und Verwaltung werden vermehrt Services für Bürger*innen, wie etwa An- und Ummeldungen, Zulassungen von Kfz, Steuererklärungen oder auch – ganz aktuell – Impftermine digital angeboten. An dieser Stelle werden indes auch immer wieder die Teilhabemöglichkeiten von Menschen ohne Internetzugang diskutiert. Denn auch Verwaltungen, besonders aber Politiker*innen kommunizieren zunehmend nicht mehr nur über audiovisuelle oder Printmedien, sondern über die sogenannten Neuen Sozialen Medien. Zu nennen sind hier insbesondere die Messengerdienste wie ‚Twitter‘ oder ‚Telegram‘.
  • Und auch im Bereich von Forschung und Bildung können zunehmend Digitalisierungsprozesse beobachtet werden. In der Forschung geht es zum einen darum, neue Möglichkeiten der Datenverarbeitung und damit Digitalisierung zu entwickeln; zum anderen werden aber auch zunehmend außerhalb der Informatik insbesondere in den Natur- und Lebenswissenschaften aber eben auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften die Möglichkeiten der Analyse großer Datenmengen – so genannter big data – genutzt. Dabei versucht man zum Beispiel, große Datenmengen zu modellieren, um mögliche Verlaufskurven der Covid-19 Pandemie zu prognostizieren. Man erforscht aber auch die journalistischen Berichterstattungen in Print- und Online-Medien über die Pandemie mit Hilfe quantitativer Diskursanalysen. Und auch in Schulen und Hochschulen spielen Digitalisierungsprozesse eine zunehmend wichtige Rolle. Lerneinheiten werden digitalisiert und Prüfungen werden von analogen auf digitale Formate umgestellt. [2]

Prozessdigitalisierungen und Digitalisierungsprozesse

Die aktuelle COVID 19-Pandemie macht deutlich, dass zumindest in Deutschland noch wesentliche Schritte zu digitalen, vernetzten und kommunikativen Prozessen zu gehen sind. Dabei ist es wichtig zwischen Digitalisierungsprozessen und Prozessdigitalisierungen zu unterscheiden. Sie bilden zwei Seiten ein und derselben Medaille, die aufeinander verweisen. Indes reicht es gerade nicht, bereits existierende analoge Prozesse zu digitalisieren. Vielmehr erzwingen die vernetzten Möglichkeiten innovative Prozesse. Prozessdigitalisierungen können sich also – wenn man so will – von analogen Prozessen emanzipieren, sich also selbständig und unabhängig entwickeln. Ein ganz aktuelles Beispiel aus der Hochschuldidaktik ist zum Beispiel, dass Seminareinheiten aufgezeichnet und untertitelt werden können, so dass Studierende mit besonderen Lernherausforderungen noch besser befähigt werden.

Dabei werden Digitalisierungsprozesse wie Prozessdigitalisierungen sowohl aus einer technologischen als auch aus einer gesellschaftlichen Perspektive kontrovers diskutiert: In technologischer Perspektive werden die primären Chancen in Bezug auf die Entwicklung innovativer Produkte, die Effizienzsteigerung globaler Lieferketten aber auch die Steigerung von Kommunikationsmöglichkeiten erörtert. Digitalisierungsprozesse und mehr noch Prozessdigitalisierungen werden in der Regel positiv bewertet. In gesellschaftstheoretischer Perspektive herrschen dagegen ambivalente Bewertungen vor. Einerseits wird eine Entfremdung von der analogen Welt beklagt; andererseits werden aber auch die möglichen Chancen betont.

Diese Ambivalenzen werde ich im Folgenden am Beispiel der so genannten Digitalsemester – wie sie seit März 2020 in Deutschland stattgefunden haben – erläutern. Dabei bildet die reflexive Diversitätsforschung meinen theoretischen Ausgangspunkt.

Die reflexive Diversitätsforschung [3] zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich für die Formierung wie Transformierung von Prozessen und Praktiken des Organisierens interessiert und zugleich fragt, auf welche gesellschaftlichen Herausforderungen diese Formierungen bzw. Transformierungen antworten und welche intendierten oder nicht-intendierten Effekte diese implizieren. Der Fokus liegt dabei auf der expliziten wie impliziten Behandlung und Bearbeitung von Diversität. Diversität selbst wird dabei nicht – wie in sogenannten positivistisch-funktionalistisch orientierten Studien – als gegeben oder – wie in vielen sogenannten kritisch-emanzipativ orientierten Studien – als ‚bloß‘ konstruiert betrachtet. Vielmehr wird Diversität als Effekt unterschiedlicher Praktiken verstanden, die gleichwohl wirklich, da wirk-sam sein können aber nicht müssen. D.h. bestimmte Differenzierungspraktiken müssen nicht notwendig zu Diversität führen, sie können dies aber.

Risiken und Chancen der Digitalisierung am Beispiel veränderter Lehr-Lernformate an Hochschulen

Hochschulen gelten – jedenfalls vor An- bzw. Ausbruch der Covid-19-Pandemie – in der Regel als Orte der Begegnung und der Versammlung von Menschen, die in vielen unterschiedlichen Fächern und Disziplinen studieren, lehren und forschen. Ein Blick auf die Selbstdarstellungen von Hochschulen, mit denen – jedenfalls bislang – um Studierende geworben wird, macht deutlich, dass der Campus als Lebensraum mit physischer Präsenz begriffen wird: So tauchen Bilder und Videos von Studierenden, Lehrenden und Forschenden in Hörsälen, Seminarräumen und Laboratorien auf.

Zugleich wirbt so manche Hochschule mit Arbeitsplätzen in Bibliotheken und Instituten, aber auch mit Abbildungen mehr oder minder einladenden Cafeterien und Mensen. Es wird aber auch bisweilen mit Sportstätten und Theaterworkshops geworben. Diese Orte dienen als Treffpunkte, an denen sich Menschen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen können/sollen.

Dabei verfolgen Hochschulen mit Blick auf die Studierenden durchaus hehre Ansprüche. Denn es geht ihnen gerade nicht nur um die bloße Vermittlung von Wissen. Vielmehr geht es auch um die Ausbildung kritischer Persönlichkeiten, die sich (selbst-)kritisch mit den Inhalten ihres Studiums auseinandersetzen und diese in einer Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden aus unterschiedlichen Perspektiven hinterfragen. Dies kann auch in den entsprechenden Lehrleitbildern einzelner Hochschulen nachgelesen werden.[4]

Die weitgehende Umstellung der hochschulischen Lehr-Lernformate in der Pandemie stellt nach Meinung einiger genau diesen Bildungsauftrag grundsätzlich in Frage; andere wiederum sehen große Chancen in dem aktuellen Digitalisierungsschub:

Die Kritiker*innen des aktuellen Digitalisierungsschubes betonen insbesondere die Nachteile mangelnder Präsenz und befürchten eine Reduzierung des Studiums auf eine reine Wissensvermittlung. Ihnen geht es nicht darum, ob digitale Lehre womöglich weniger effektiv oder sogar noch effektiver ist als Präsenz-Lehre, es geht ihnen vielmehr um den möglichen Verlust der gemeinsamen Begegnungsräume. Denn wie optimal auch immer Lehre digitalisiert werden möge, so drohten doch insbesondere der gegenseitige Austausch von Argumenten mit den damit verbundenen Perspektivwechseln zu entfallen.

In diesem Sinne argumentiert etwa Stefan Kühl (2021, N S. 4): „Der Wechsel zwischen Gesprächspartnern fällt bei körperlicher Anwesenheit leichter, weil eine Gesprächsbereitschaft durch paraverbale Zeichen wie räuspern oder lautes Einatmen angezeigt wird“. So falle das Sprechen leichter, da ein breiteres Spektrum nonverbaler Zeichen zur Verfügung stehe, um z. B. Zustimmung oder auch Ablehnung zu signalisieren. Paraverbale wie nonverbale Zeichen könnten nämlich erheblich zu einer Verminderung von Unisicherheiten beitragen.

Digitale Veranstaltungen erschwerten so intensive Diskussionen und ein aktives Zuhören. Besonders die Geistes– und Sozialwissenschaften basierten indes auf solchen diskursiven Formaten in Präsenz. Johannes F. Lehmann betont den Aspekt der „selbständigen Vergemeinschaftung der Studierenden, in den Sozialformen der gemeinsamen Aneignung und der selbst organisierten, kritischen Verarbeitung von Wissen – und eben deshalb ist von entscheidender Bedeutung, dass die Lehre am gemeinsam geteilten Ort, an der Universität, erbracht wird“ (Lehmann 2021). [5] Und Lehmann fährt fort: „Dieser geteilte Raum ist seit nunmehr drei Semestern geschlossen, mit zum Teil verheerenden Folgen für die voneinander isoliert zoomenden Studierenden, denen tagtäglich Entwicklungs-, Entfaltungs- und Kontaktmöglichkeiten genommen werden“ (ebd.).

Dagegen begrüßen andere den aktuellen Digitalisierungsschub. Sie fragen offensiv – wie etwa das Hochschulforum Digitalisierung (HFD) (2021) – „Wie lassen sich die positiven Errungenschaften und neuen Erfahrungen für die Weiterentwicklung von Hochschulstrategien nutzen?“ Dabei stehen nicht nur technologische Weiter- und Neuentwicklungen und deren optimaler Einsatz im Fokus. D. h. etwa die zahlreichen Möglichkeiten digitaler Tools [6], die Interaktionen und Diskussionen zwischen Lehrenden und Studierenden in Online-Veranstaltungen ermöglichen. Vielmehr sollen die Möglichkeiten der Lehr-Lern-Prozesse so verändert werden, dass ein Mehr an Inklusion [7] – zunächst im digitalen, aber sicherlich in der Folge auch im analogen Rauem – entstehen könnte. Dafür gibt es aus meiner Perspektive insbesondere die folgenden Ansatzpunkte:

  • Erstens könnte durch die Digitalisierung der Lehr-Lernformate ein Mehr an Barriere- armut bzw. -freiheit erreicht werden, insofern z. B. mobilitätseingeschränkte Personen und Menschen mit Sehbehinderungen mit der entsprechenden Software an digitalisierten Lehrveranstaltungen teilnehmen könnten. Von dieser Digitalisierung können letztlich alle Studierenden und Lehrenden profitieren, insofern sie an vielen bislang kaum ‚erreichbaren‘ Veranstaltungen teilnehmen und die Reisekosten einsparen können.
  • Studierende können zweitens ihr Studium und Lehrende ihre Lehre internationalisieren. Viele Hochschulen sprechen hier von der ,Internationalisierung der Curricula‘. Durch entsprechende Programme können nämliche Ausschnitte aus Interviews bzw. Vorlesungen von führenden Expert*innen aus aller Welt, aber zum Beispiel auch Digitale, die sich nicht am Studienort befinden, in die eigene Lehre inkludiert und zusammen analysiert werden. Hier spielt sicherlich auch die Nutzung von Virtual Reality-Tools eine wichtige Rolle.
  • Studierende können sich drittens nun in asynchronen Formaten Ihre Lernzeiten selbst aussuchen. Und auch Lehrende müssen nicht mehr zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten Ihre Lehre absolvieren. Zudem können Studierende die Veranstaltungen selbst immer wieder in ihrem eigenen Tempo bearbeiten. Dies kommt den unterschiedlichen Lerntypen der Studierenden entgegen.
  • Schließlich sind viele Klausuren von reinen Wissensabfragen zu sogenannten Kompetenzprüfungen weiterentwickelt worden. So wird weniger das Auswendiglernen von Wissen und deren Reproduktion benotet, sondern vielmehr die Kompetenzen mit erworbenem Wissen kompetent umzugehen. Hier erfreuen sich mittlerweile die sogenannten Open Book-Klausuren, bei denen alle Hilfsmittel genutzt werden können/ sollen, großer Beliebtheit.

Fazit

Digitalisierung könnte also in der Tat Inklusion befördern. Indes wäre es dazu wichtig, zwischen Prozessdigitalisierungen und Digitalisierungsprozessen zu unterscheiden. Am Beispiel der Debatten um das Pro und Contra der Digitalisierung wird nämlich deutlich, dass die Kritiker*innen im Grunde Digitalisierungsprozesse beklagen. Die Gegner*innen argumentieren insofern retrospektiv, d. h. rückwärtsgewandt, und befürchten, dass gerade die einfache Digitalisierung von Lern-Lehrprozessen aus der analogen Welt wenig sinnvoll erscheint. Demgegenüber argumentieren die Befürworter*innen prospektiv und entwerfen neue Möglichkeiten der Prozessdigitalisierung, die über die bisherigen analogen Prozesse hinausgehen.

 

Literatur

Bührmann, Andrea D. (2020): Reflexive Diversitätsforschung. Eine Einführung anhand eines Fallbeispiels. Opladen/Toronto: utb.

Friedrich, Julius-David/Neubert, Philipp/Sames, Josephine (2021): 9 Mythen des digitalen Wandels in der Hochschulbildung, Diskussionspapier Nr. 13/Juli 2021. https://hochschulforumdigitalisierung.de/sites/default/files/dateien/HFD_DP_13_Mythen_Digitaler_Wandel_Hochschulbildung.pdf [Zugriff: 2.8.2021].

Hochschulforum Digitalisierung (HFD) (2021): Strategien zur Digitalisierung: Hochschulforum Digitalisierung berät vier Hochschulen und einen Verbund.  https://www.stifterverband.org/pressemitteilungen/2021_07_20_peer-to-peer-strategieberatung [Zugriff: 25.7.2021).

Kühl, Stefan (2021): Der Zauber des Zufälligen, In: FAZ, 21.7.2021, N 4.

Lehmann, Johannes F. (2021). Anspruch auf Bildung, In: FAZ, 19.7.2021.

Anmerkungen

[1] Der Begriff Globaler Norden umfasst die reichen Industrieländer, während der Globale Süden die sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer bezeichnet. Mit dem Wechsel der Terminologie soll auch ein Perspektivwechsel erreicht werden, denn die Länder des Globalen Südens erscheinen doch nur aus der Perspektive sogenannter entwickelter Länder als Entwicklungs- und Schwellenländer.

[2] Auf diese Aspekte gehe ich später noch näher ein.

[3] Vgl. dazu ausführlicher Bührmann 2020.

[4] Vgl. etwa das Lehrleitbild der Universität Göttingen: https://www.uni-goettingen.de/de/leitbild+f%C3%BCr+das+lehren+und+lernen/594258.html

[5] Kühl betont hier auch noch den Aspekt der Hochschule als Kontaktbörse und Heiratsmarkt.

[6] Hier wird zwischen Mehrbenutzer-Anwendungssystemen, also z. B. TitanPad, Google Docs, Miro-Boards, und Kommunikationstools, wie Videokonferenzdiensten mit der Möglichkeit von Break-Out-Sessions, soziale Medien, Chats, Diskussionsforen oder E-Mails etc. unterschieden. (vgl. etwa Friedrich/Neubert/Sames 2021)

[7] Inklusion meint hier nicht die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in bestehende Organisationsprozesse und -strukturen. Vielmehr verweist der Begriff darauf, dass vormals bestehende Organisationsprozesse und -strukturen auf beispielsweise Menschen mit Behinderungen, aber auch andere bisher diskriminierte Gruppen ‚eingestellt‘ und entsprechend ‚umgestellt‘ werden. In der Literatur wird hier auch von inklusiven Organisationen gesprochen.

 

Prof. Dr. Andrea D. Bührmann
ist Direktorin des Instituts für Diversitätsforschung in der Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Göttingen.
Web: https://www.uni-goettingen.de/de/446519.html

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Der Text ist zuerst erschienen im „Kompendium Digitale Transformation„.

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